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Achtsamkeit

Hallo Angst
ich kenn dich!

Existenzangst in Zeiten von Corona

Die Angst geht um. Ich meine nicht die große Angst vor dem Virus. Ich meine die Ängste, die aus dieser großen, allgegenwärtigen Virus-Angst resultieren. Alles wird offen gelegt in dieser Zeit. Die Angst allein zu sein, die Angst zu scheitern, die Angst seinen gewohnten Lebensstandard aufgeben zu müssen. Die Existenzangst, nicht zu wissen was morgen ist. Noch viele andere Ängste, aber heute soll genau diese Angst um die Existenz hier Thema sein.

Existenzangst ist mir wohl ein Begriff, nach 11 Jahren Selbstständigkeit bleibt die nicht aus. Ich denke, das sollte sich auch jeder vor Augen führen, der es in Erwägung zieht sich selbstständig zu machen. Ich glaube, das gehört einfach dazu. Ich kenne das: nachts im Bett zu liegen und nicht einschlafen zu können. Weil man an die Zahlung an das Finanzamt denkt, an die Krankenkasse die fällig ist, an existenzielle Dinge, die man einfach gerade nicht zahlen kann. 

Aber gerade deshalb habe ich momentan keine Angst. Keine Angst um die Existenz. Keine Angst, dass es nicht weiter geht. Denn ich habe die Erfahrung gemacht: Es kommen auch wieder bessere Tage und Nächte, in denen man gut schlafen kann. Wenn man es so nimmt, habe ich eine gewisse Routine entwickelt mit dieser Angst gut umgehen zu können.

Wir sind beide selbstständig, das heißt, wir haben die letzten Jahre oft nicht gewusst, was die nächsten Monate sein wird. Klar gab es Wochen, da ging es uns gar nicht gut damit. Vor allem seit die Kinder da sind. Aber wir haben weiter gemacht und von irgendwoher kam immer wieder ein Impuls, der uns neue Wege gezeigt hat, uns auf neue Bahnen gelenkt hat, an die wir gar nicht gedacht haben. Ich glaube genau aus diesem Grund kommen wir gerade sehr gut klar mit der jetzigen Situation. Nein, vielmehr hat sie einen unglaublichen Überlebenstrieb in uns geweckt, der uns gerade sehr kämpferisch und kreativ macht. Klar ich schreibe diese Zeilen und nächste Woche kann es vielleicht schon ganz anders sein … das weiß man nicht. Aber ich rede von diesem Moment. In diesem Moment geht es uns gut. Denn wir wollen weiter machen. Weiter unser kreatives, selbstbestimmtes Leben führen. Mit allen Konsequenzen.

Ich weiß, für viele ist diese Situation komplett neu. Der Mensch braucht Sicherheit. Sicherheit ein geregeltes Leben zu führen, Sicherheit zu wissen, was morgen ist. Aber selbst wenn man bis jetzt einen unbefristeten, gut bezahlten Job hatte, wer hat gesagt, dass es morgen doch ganz anders sein kann? Auch ohne Krise wäre das so. Es gibt keine Garantie.

Ich weiß noch, wie ich Ende 2008 gekündigt habe. Nach fast 5 Jahren renommiertem Designbüro habe ich die Reißleine gezogen. Das war ein ewiger Prozess. Eigentlich wusste ich schon nach 3 Jahren, dass diese Arbeitsform nichts für mich ist. Aber ich blieb. Weil ich an diese Sicherheit glaubte. An diese Sicherheit, ein regelmäßiges Einkommen auf dem Konto zu haben, die Sicherheit meiner Existenz.

Ich sprach die Kündigung aus und ich fühlte mich sehr gut damit. Fast zur selben Zeit, kam es zum Börsencrash. Die Rezension erreichte das Designbüro, in dem ich arbeitete einige Wochen später. Der totale wirtschaftliche Tiefschlag. Ich saß noch in der Agentur mit dem Wissen, diese am Ende des Jahres zu verlassen, als reihenweise die Kündigungen im Büro ausgesprochen wurden. Und das „reihenweise“ ist wirklich bildlich gemeint. Wir saßen in einem Großraumbüro. An die 100 Leute und nach und nach klingelte das Telefon an diversen Arbeitsplätzen. Nach kürzester Zeit war klar: Da wo es klingelt, der ist dran. Der wird vor in die Geschäftsleitung zitiert und verabschiedet. Fristlos mit sofortiger Freistellung. Die Situation war unerträglich. Und auch, wenn zu diesem Zeitpunkt für mich die Entscheidung schon gefallen war und ich sehr sehr froh war, dass ich diese Entscheidung selbst fällen durfte, kann ich mich noch genau an das Gefühl erinnern. Dieses Gefühl, dass die Sicherheit in der du dich gewogen hast auf einmal komplett wegbricht. 

2009: Mein erstes Geschäftsjahr: Man könnte meinen, ein ziemlich ungünstiger Start, sich selbstständig zu machen, so mitten in der Wirtschaftkrise. Ich bin so froh, dass meine Entscheidung davor fiel und nicht mehr rückgängig zu machen war. Denn dann hätte ich wohl eher versucht meine Festanstellung zu behalten. Mich an die Sicherheit geklammert.

Und dann war der Start gar nicht so ungünstig: Weil es plötzlich allen gar nicht so gut ging, wurde eher mit Freelancern gearbeitet, als mit großen Designbüros und ich hatte von Anfang an gut zu tun. Der Mut den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen, hatte sich mehr als gelohnt. Im Laufe der Jahre vielleicht nicht immer finanziell, aber vor allem für meine Persönlichkeit, vor allem um zu erfahren: Wer bin ich? Und was will ich eigentlich?

Warum ich diese Zeilen schreibe? Weil ich Mut machen will. Denjenigen die vielleicht gerade schlaflose Nächte haben. Denjenigen, die nicht wissen was morgen ist. Mir hat es immer geholfen, mich sichtbar zu machen. Über Netzwerke oder Social Media zu kommunizieren. Denn dadurch habe ich Impulse gegeben, auf die andere Menschen reagieren konnten. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung auch: Das klappt nicht immer: Nur weil man laut schreit, wird man nicht automatisch gehört und das kann sehr sehr frustrierend sein. 

Aber wenn man sich verkriecht und die Angst um Zukunft und Existenz alleine mit sich ausmachen möchte, wird man erst Recht nicht gehört. Denn man gibt dem Schicksal gar nicht die Chance, gehört zu werden.

Natürlich ist das alles leichter gesagt als getan. Und nicht jeder Tag eignet sich dazu, steckt voller Überlebenstrieb. Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, ist es einfach wahnsinnig schwierig sich noch tolle kreative Ideen aus dem Ärmel zu schütteln. Trotzdem glaube ich fest daran, dass diese Krise tatsächlich »Potential hat«, vor allem wenn man neue Wege gehen möchte.

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